Dienstag, 8. Juli 2008

Proconvertase-Gen mit Adipositas assoziiert

Wie Zwillingsstudien eindeutig gezeigt haben, ist Adipositas eine der am stärksten erblich beeinflussten Konditionen. Aber bislang wurde nur eine Handvoll Gene identifiziert, die in der üblichen Streubreite der Adipositasformen eine Rolle spielen, also nicht nur bei den seltenen monogenen Formen.

Ein großes Forscherteam unter Leitung von Philippe Froguel (Bild), an dem Wissenschaftler aus Frankreich, Dänemark, Schweden, Deutschland und Großbritannien beteiligt sind, berichtet diese Woche in Nature Genetics, dass relativ häufige Varianten des PCSK1 Gens mit einem höheren BMI assoziiert sind. Es kodiert das Enyzm Proconvertase.

Dieses Enzym ist dafür verantwortlich, voll funktionierende Versionen von Hormonen wie Insulin und Glucagon zu bilden, also Hormone mit zentraler Rolle im Kohlenhydratstoffwechsel, und auch Melanocortin, einen entscheidenden Regulator für das Sättigungsgefühl.

Obwohl die identifizierten Varianten des PCSK1-Gens nur relativ geringe Funktionsänderungen im Enzym bewirken, ist der Effekt auf die entsprechenden Hormone signifikant.

Offensichtlich kann kein einzelnes Gen oder eine Variante davon für sämtliche Formen der Adipositas verantwortlich sein, und es gibt auch keinen Grund anzunehmen, dass jede Adipositas gleich ist. Eher beruht die Erblichkeit der Adipositas auf der Verteilung einer großen Zahl von Varianten verschiedenster Gene in der Bevölkerung.

Wann werden wir in unseren Adipositas-Kliniken mit Gentests beginnen? Noch eine ganze Weile nicht, vermute ich – erst dann, wenn wir tatsächlich zeigen können, dass spezifische Gene auch bessere (oder schlechtere) Resultate zielgerichteter Adipositas-Therapien voraussagen können.

Bei Nacht sind alle Katzen grau.

AMS
Edmonton, Alberta

Montag, 7. Juli 2008

Deutschland erwacht zum Thema Adipositas

Wie in anderen europäischen Ländern, wird die Adipositas auch in Deutschland immer häufiger. Laut Regierungsstatistik sind zwei Drittel aller deutschen Männer zwischen 18 und 80 Jahren übergewichtig, und fast die Hälfte aller Frauen hat ein Gesichtsproblem. Das bedeutet, dass etwa 37 Millionen Erwachsene und 2 Millionen Kinder und Teens in Deutschland an gewichtsassoziierten Störungen leiden.

Als Reaktion darauf hat die deutsche Regierung unter Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in Zusammenarbeit mit Horst Seehofer, Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine neue Adipositas-Initiative lanciert. Das Ziel des Programms besteht darin, bis zum Jahr 2020 die mit Adipositas assoziierten Krankheiten drastisch zu senken. Für die nächsten zwei Jahre sind Ausgaben von 30 Millionen Euro dafür vorgesehen.

Wie auch anderswo erkennt auch in Deutschland die Regierung, dass die Epidemie nicht nur das Ergebnis von ungünstigen Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel ist, sondern auch Folge weitreichender sozialer und infrastruktureller Faktoren. Daher appelliert das Programm an Politiker, Wissenschaftler, Gesundheitsversorger, Verbände und die Nahrungsindustrie, dazu beizutragen, eine gesündere Lebensweise zu vermitteln und zu fördern. Nicht überraschend enthält das Paket folgende Ideen: Erziehung in Richtung gesünderen Essens und körperlicher Aktivität, strengere Standards in der Schulernährung, bessere Nährstoff- und Produktinformation durch die Nahrungsmittelindustrie, eingeschränkte Werbung von Süßigkeiten- und „Junk Food“-Herstellern an die Zielgruppe Kinder, also insgesamt die übliche Liste von Initiativen.

Wie auch anderswo ignoriert aber auch in Deutschland die Regierung weitreichend eine wesentliche Konsequenz aus der Tatsache, dass 37 Millionen Deutsche schon mit dieser chronischen Krankheit leben, dass dies nämlich umgehend einen verbesserten Zugang zu evidenzbasierten Adipositas-Behandlungen erfordert, und hierzu müssen gleichzeitig die Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Wie in den meisten anderen Ländern (mit der bemerkenswerten Ausnahme Großbritannien) bleibt der Zugang zu einer professionellen Adipositas-Behandlung auf eine lächerlich kleine Zahl von Individuen beschränkt, überwiegend auf solche, die sich das als privat bezahltes Angebot leisten können.

Wie ich in meinem Blog schon angesprochen habe: Dass man die Adipositas-Prävention fördert (und hofft, dass dies auf fruchtbaren Boden fällt) sollte keine Entschuldigung dafür sein, dass man den Menschen die Adipositas-Behandlung vorenthält, die davon schon betroffen sind.

AMS
Edmonton, Alberta

Bild: Rainer Zenz

Freitag, 4. Juli 2008

Sagt das metabolische Syndrom Herzkrankheiten voraus?

Das Metabolische Syndrom oder Syndrom X, vor kurzem auch “Xyndrome” getauft, ist die Kombination aus

• abdominal betonter Adipositas
• hohen Triglyceridspiegeln
• niedrigem HDL-Cholesterinspiegel
• Hypertonie
• erhöhten Nüchtern-Blutzuckerspiegeln

Dieses Konzept wurde breit als ein Mittel propagiert, um klinisch Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko zu identifizieren.

Während das Konzept intuitiv vernünftig erscheint (da alle fünf Komponenten des Syndroms einzeln mit einem gesteigerten kardiovaskulären Risiko korreliert wurden), reißt die Diskussion nicht ab, ob das Konzept dieses “Syndroms” Risikopatienten besser identifizieren kann, als wenn man beim Patienten nach den einzelnen Risikofaktoren sucht.

Um zu klären, ob das "metabolische Syndrom" tatsächlich ein Risikofaktor für Herzkrankheiten ist, untersuchten Naveed Sattar und Mitarbeiter von der University of Glasgow die Beziehung zwischen dem metabolischen Syndrom und der Inzidenz von kardiovaskulären Krankheiten und Typ-2-Diabetes bei 4812 nichtdiabetischen Personen zwischen 70 und 82 Jahren aus der Prospective Study of Pravastatin in the Elderly at Risk (PROSPER). Sie untermauerten diese Daten mit einer zweiten prospektiven Studie (the British Regional Heart Study [BRHS]) bei 2737 nichtdiabetischen Männern zwischen 60 und 79 Jahren (The Lancet).

In PROSPER war das metabolische Syndrom über 3,2 Jahre nicht mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert, jedoch mit einem vierfach erhöhten Risiko für Diabetes. Ein erhöhter Nüchternglukosespiegel war indessen mit einem 18-fach erhöhten Risiko für Diabetes erhöht..

Ähnlich war auch in BRHS das metabolische Syndrom nur gering mit kardiovaskulärer Krankheit assoziiert, trotz einer starken Korrelation zu Diabetes.

Bedeutsam erscheint, dass in beiden Studien der Body Mass Index, der Taillenumfang, der Triglyceridspiegel und erhöhte Glucosewerte ebenfalls nicht mit einem Risiko für kardiovaskuläre Krankheit assoziiert waren, aber alle fünf Komponenten gingen mit einem erhöhten Risiko für Neuauftreten eines Diabetes mellitus einher.

Die Autoren schließen, dass das metabolische Syndrom und seine Komponenten zwar mit Typ-2-Diabetes assoziiert sind, dass aber nur eine schwache bis keine Korrelation mit dem Gefäßrisiko besteht – bei älteren Individuen. Sie empfehlen, das klinische Augenmerk weiterhin darauf zu richten, optimale Risikoalgorithmen gemäß jedem einzelnen Risikofaktor zu etablieren, statt sie in einem vermeintlichen Syndrom zu vermengen.

Man könnte natürlich argumentieren, dass das Konzept des metabolischen Syndroms vielleicht bei jüngeren Individuen noch nützlich sein könnte. Aber die gleiche und andere Arbeitsgruppen konnten auch bei Jüngeren nicht zeigen, dass das metabolische Syndrom ein starker Prädiktor für Herzkrankheiten ist, wie die Diskussion der Arbeit erwähnte.

Ob das Konzept des metabolischen Syndroms hilfreich ist oder nicht, man sollte daran denken, dass das Management der Adipositas die einzige Intervention ist, die auf alle fünf Komponenten des Syndroms gleichzeitig günstige Auswirkungen entfaltet. Während die konventionelle Versorgung darauf ausgerichtet ist, aggressiv die einzelnen Risikofaktoren ins Visier zu nehmen, wird nur aggressive Adipositas-Therapie alle Aspekte dieses vermuteten Syndroms verbessern.

Leider fehlen uns mit Ausnahme der Adipositas-Chirurgie immer noch Outcome-Studien, die zeigen, dass die Adipositas-Behandlung tatsächlich die kardiovaskuläre Mortalität senkt.

Die Annahme, dass eine Gewichtsabnahme ohne Chirurgie Leben rettet, basiert nicht auf harter Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien. Ich vermute, dass bis zum Vorliegen besserer Daten Ärzte, Kostenträger und Politiker weiter in Frage stellen, dass die Therapie der Adipositas (mit den gleichen Ressourcen und dem gleichen persönlichen Einsatz wie bei anderen chronischen Krankheiten!) Nutzen bringt.

AMS
Edmonton, Alberta

Donnerstag, 3. Juli 2008

Trendz im Cafeteria-Essen

Gestern habe ich in der Cafeteria des Glenrose Rehabilitation Hospital gerade gegenüber von meinem Büro im Royal Alexandra Hospital aus zu Mittag gegessen.

Die Cafeteria basiert auf der Philosophie von Capital Healths Healthy Choice Trendz™. Es umfasst ein Bistro-Konzept, das eine gesunde Auswahl ganz einfach macht. Weit und breit gibt es nicht den Hauch von Friteuse (eine Rarität für Nordamerika), und nach ungesundem Zeug muss man richtig suchen.

Die Standard-Fleischportionen sind kleiner, dafür kommen üppige Portionen mit Wok-Gemüse (kein Öl!) und gerösteten Kartoffeln auf den Teller. Suppen gibt es in salzärmeren Versionen. Man findet sogar Biscuits mit wenig Fett, und Brot ist mit Vollkorn gebacken.

Am Kaffeeautomaten gibt es die Auswahl an 2% fetthaltiger Milch und entrahmter Milch. Nach Sahne muss man extra fragen. Klar, es gibt auch ein paar ungesündere Angebote wie Softdrinks, aber ganz vorn stehen Wasser und Fruchtsaft. Für die Softdrinks muss man sich bücken.

Es ist gar kein Problem, hier ein gesundes Mittagessen zu bekommen. Wenn man es unbedingt will, findet man auch Dinge, um die man lieber einen Bogen schlagen sollte, aber das wird einem nicht einfach gemacht.

Die Leute von Capital Health, die das “Healthy Trendz”-Konzept entwickelt haben und gerade in allen Verkaufsstellen einführen, sind nicht nur von diesem Konzept einfach überzeugt, sondern haben mir auch versichert, dass ein gesundes Angebot sogar profitabel ist.

Hoffentlich dauert es nicht lange, bis sich dieses Angebot über die Region und ihre Grenzen hinaus verbreitet hat.

AMS
Edmonton, Alberta

PS Das Bild stellt nicht genau das Gericht dar, das ich genossen habe, aber es kommt dem sehr nahe.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Kein Eiweiß-Geiz!

Für jeden, der abzunehmen versucht, ist es immer eine Herausforderung, den fast obligatorischen Rückgang an fettfreier Körpermasse zu verhindern. Wenn der Körper leichter wird, geht auch die „gewichtstragende Arbeit“ zurück, wodurch die Muskelmasse schrumpft. Aber auch die Empfehlung der meisten Diäten, im Sinne der Ausgewogenheit die Eiweißaufnahme zu senken, kann den Proteinkatabolismus fördern.

Der Skelettmuskel bestimmt den Energieverbrauch maßgeblich. Daher kann der Verlust an Muskelmasse den Gewichtserfolg beim Abnehmen, der aufgrund eines gegebenen Kaloriendefizits zu erwarten wäre, limitieren. Es kommt zu einem frühen Plateau. Da außerdem fettfreie Körpermasse bei Gewichtsanstieg eher durch Fett ersetzt wird ((catch-up fat), endet das in einer noch größeren Fettmasse als vor der Diät.

Wie wichtig es ist, die Proteinversorgung während eines diätetisch herbeigeführten Gewichtsverlusts auf einem ausreichenden Niveau zu halten, zeigte wieder eine aktuelle Studie. Melanie Bopp und Mitarbeiter von der Wake Forest University School of Medicine in Winston-Salem publizierten sie im Journal of the American Dietetic Association.

Die Autoren untersuchten die Assoziation zwischen der Proteinaufnahme und dem Verlust an fettfreier Körpermasse während der Gewichtsabnahme bei Frauen in der Postmenopause anhand einer retrospektiven Analyse einer 20-wöchigen randomisierten kontrollierten Intervention, die auf kontrollierter Diät und Bewegung bei Frauen zwischen 50 und 70 Jahren basierte. Die Abnahme wurde durch Kalorienrestriktion und Bewegung auf verschiedenen Stufen erreicht. Die reine Diätgruppe senkte die Kalorienaufnahme um 2800 kcal/Woche, die Bewegungsgruppe um 2400 kcal/Woche bei zusätzlichem Verbrauch von 400 kcal/Woche durch aerobe Übungen.

Die fettfreie Körpermasse wurde mit DEXA bestimmt. Der durchschnittliche Gewichtsverlust betrug 10.8+/-4.0 kg, wobei durchschnittlich 32% des Gesamtgewichtsverlustes auf das Konto eines Verlusts an fettfreier Körpermasse gingen. Während die Proteinaufnahme durchschnittlich 0.62 g/kg Körpergewicht/Tag (von 0.47 bis0.8 g/kgKG/Tag) betrug, verloren die Teilnehmerinnen, die mehr Protein verzehrten, weniger fettfreie Körpermasse. Diese Beziehung blieb signifikant, auch nach Korrektur hinsichtlich Interventionsart und Körpergröße.

Die Autoren schließen, dass die mangelhafte Proteinaufnahme während einer Kalorienrestriktion unerwünschte Änderungen der Körperzusammensetzung bei Frauen in der Postmenopause bewirken kann.

Ich möchte ergänzen, dass das Gleiche wahrscheinlich für jeden gilt, der mit einer Diät abnimmt, die nicht für eine ausreichende Proteinaufnahme sorgt.

AMS
Edmonton, Alberta

Dienstag, 1. Juli 2008

Flüssige Kalorien zählen auch!

Gestern erschien in Edmonton Sun ein ganzseitiges Feature über mich, weil man es außergewöhnlich fand, dass ich im autoverliebten Alberta mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre.

Natürlich erwähnt der Beitrag auch die obligatorischen Tipps von Dr. Sharma, an erster Stelle: Vorsicht mit den flüssigen Kalorien in Saft, Softdrinks oder Alkohol – wenigstens sollte man sie als Teil der Mahlzeit mitzählen, weil sie sich rasch summieren.

Wie auf Verabredung veröffentlichte die Consumer Federation of America (CFA) gestern in einem Versuch, die Lücke in der Verbraucherinformation über flüssige Kalorien zu füllen, Fakten zu Alkohol (Alcohol Facts), eine Übersicht über den Alkohol-, Kalorien- und Kohlenhydratgehalt der beliebtesten 26 inländischen und importierten alkoholischen Getränkemarken, die in den USA verkauft werden.

Alcohol Facts zeigt signifikante Unterschiede im Kalorien- und Kohlenhydratgehalt für Bier, Wein und Spirituosen, sowohl bezüglich Kategorie als auch zwischen den Marken.

* Unter Spirituosen reichte der Kaloriengehalt pro Einheit (1,5 oz = 42,6 ml) von 86 kcal für Rum bis 120 kcal für Gin. Der Durchschnitt (ohne Mixgetränke) lag bei 98 kcal pro Einheit;

* Für Wein variierte der Kaloriengehalt für eine Einheit (5 oz. = 142 ml) von 105 kcal für einen Merlot bis 125 kcal für einen Cabernet Sauvignon. Der Durchschnitt lag bei 118 kcal pro Einheit (entsprechend 207 kcal für 0,25 l).

* Die größte Kaloriendifferenz gab es bei Bier und Malzgetränken. Leichte Biere (5 Marken) brachten im Durchschnitt 100 kcal pro 340 ml, reguläre Biere 140 kcal und Malzgetränke zwischen 190 und 241 kcal pro Einheit (340 ml).

* Beim Kohlenhydratgehalt gab es die größten Unterschiede. Während die Spirituosen kohlenhydratfrei sind, enthält Wein zwischen 0.8 g pro 142 ml bei Chardonnay und 5.0 g bei Cabernet Sauvignon. Bei Bieren und Malzgetränken reichte der Kohlenhydratgehalt von 3.2 g pro 340 ml bis 38 g für ein aromatisiertes Malzgetränk.

Das CFA befürwortet Kalorienangaben auf alkoholischen Getränken. Im Augenblick sind die Angaben auf den Alkoholgehalt in % beschränkt. Um daraus die Kalorien zu errechnen, muss man erst errechnen, wie viel Gramm Alkohol pro Einheit enthalten sind, und dies mit 7 multiplizieren, aber dann fehlen immer noch die Kalorien aus den Kohlenhydraten. Wenn man diese nicht kennt, ist es dem Verbraucher praktisch unmöglich, den Kaloriengehalt selbst auszurechnen.

Aus meiner eigenen Praxis kann ich nur versichern, dass es nicht besonders ungewöhnlich ist, dass Patienten regelmäßig die Hälfte ihrer Kalorien mit Getränken einschließlich Alkohol konsumieren.

Die Kalorien auf Alkoholflaschen auszuzeichnen hält die Leute vielleicht nicht vom Trinken ab, aber wenigstens können sie dann diese Kalorien in ihren Tagesbedarf einrechnen.

AMS
Edmonton, Alberta

Montag, 30. Juni 2008

Sarkopenische Adipositas und Krebs

Wir wissen inzwischen (obwohl das vielen noch nicht so ganz bewusst ist), dass Adipositas ein relevanter Risikofaktor für Krebs ist. Andererseits tendieren bei vielen chronischen Krankheiten die schwereren Patienten zur besseren Prognose und zum längeren Überleben (das sogenannte Adipositas-Überlebensparadox).

Letzte Woche veröffentlichten Forscher der Universität von Alberta eine Studie in The Lancet Oncology, die der ohnehin komplexen Beziehung zwischen Adipositas und Krebsüberleben noch eine weitere Facette hinzufügt. Clarisse Miranda Prado und andere Wissenschaftler der Universität von Alberta wie die Krebskachexie-Forscherin Vickie Baracos untersuchten 2115 Patienten mit soliden Tumoren der Atemwege (Bild) oder des Gastrointestinaltrakts. 325 (15%) von ihnen wurden als adipös klassifiziert (Body Mass Index [BMI] > 30).

Mithilfe von CT-Bildern zeigten die Untersucher, dass die Muskelmasse bei den adipösen Patienten in einem großen Bereich variierte. 15% der analysierten adipösen Patienten erfüllten die Kriterien für eine sarkopenische Adipositas, also eine Situation mit geringer Muskelmasse. Definitionsgemäß haben sarkopenische adipöse Patienten mehr Körperfett und weniger fettfreie Körpermasse als nichtsarkopenische Patienten mit vergleichbarem Gewicht.

Die sarkopenische Adipositas war nicht nur mit einem schlechteren Allgemeinzustand assoziiert, sondern das Mortalitätsrisiko war bei diesen Patienten auch viermal so hoch wie bei nichtsarkopenischen Patienten.

Die Forscher zogen darüber hinaus ihre Daten auch für eine Berechnung heran, nach der die üblichen Dosierungskriterien für Zytostatika bei sarkopenischen Patienten eher zur Überdosierung und damit zu einem höheren Nebenwirkungsrisiko führen.

Insgesamt zeigt diese Studie, dass Adipositas nie einfach Adipositas ist und dass der BMI in der Klinik ein eher unbrauchbares Konzept ist (ein Aspekt, den ich bereits diskutiert habe). Ohne die Zusammensetzung der Körpermasse zu beurteilen ist ein rationales Management übergewichtiger Patienten einfach nicht möglich.

Das Gewicht eines Patienten sagt wenig über Gesundheit oder Krankheit aus. Sie erinnern sich, das Gewicht allein ist ein eher ungeeignetes Maß für Gesundheit.

AMS
Edmonton, Alberta