Dienstag, 29. Juli 2008

Adipositas-Boot Camp 2008

Gestern begann das 3. jährliche Obesity Boot Camp, das vom Canadian Obesity Network (CON) und der Merck-Frosst/CIHR Obesity Chair der Universität von Laval, Quebec, veranstaltet wird. Das jährliche Boot Camp ist eines der erfolgreichsten nachwuchsbildenden Initiativen, was sich an den anhaltend begeisterten Rückmeldungen von über 50 Studenten und Berufsanfängern zeigt, die bisher am Camp teilgenommen haben.

Anders als der Name vielleicht vermuten lässt, handelt es sich nicht um ein Abnehm-Camp für Studenten mit Übergewicht (im Gegenteil ist es sogar bei der Qualität des Essens im Camp eine Herausforderung, nicht zuzunehmen), sondern das neuntägige Camp ist eine Lehr- und Netzwerk-Gelegenheit, die 24 der besten jungen Adipositas-Forscher im Land angeboten wird. Die Teilnehmer kommen in diesem Jahr von 19 verschiedenen Universitäten aus ganz Kanada.

In diesem Jahr wurde das Boot Camp wieder von Ian Janssen, Queen’s University (Kingston, Ontario) eröffnet. Er sprach über Definition und Epidemiologie der Adipositas. Abgesehen von einem prägnanten Überblick über das Thema berichtete er auch über seine Forschungsarbeiten zu den Gesundheitskosten im Zusammenhang mit Adipositas.

Neu nahm dieses Jahr Diane Finegood teil, Direktorin des CIHR Institute of Nutrition, Metabolism and Diabetes und Professorin an der Simon Fraser University (Vancouver, British Columbia), die über komplexe Anpassungen sprach. Einige zentrale Eigenschaften komplexer Systeme schließen Heterogenität, Nichtlinearität, Rückkoppelungen, Lernen, Evolution, Stochastik, Interdependenz und Emergenz ein.

Laut Finegood muss man die Adipositas-Pandemie als eine sich entwickelnde Eigenschaft beim Menschen betrachten, die sich in unserer derzeitigen adipogenen Umwelt entwickelt. Weil emergierende Eigenschaften definitionsgemäss dann entstehen, wenn Einzelfaktoren eines Systems zusammen das tun, was sie für sich allein nicht tun würden, kann man sie generell nicht über einen reduktionistischen Ansatz optimal verstehen oder angehen.

Damit wäre es auch ziemlich schwierig, verlässlich die Adipositas-Epidemie vorher zu sagen oder Lösungen zu finden, indem man individuelle Anteile unserer Umwelt erforscht (z.B. die urbane Ausbreitung) oder irgend eine Einzelkomponente der menschlichen Biologie (z.B. Genetik) isoliert betrachtet.

Ihre Quintessenz zu diesem komplexen Thema lautete: Jeder Einzelne zählt, wir müssen die Kapazitäten an die Komplexität anpassen und Erwartungen kanalisieren, Netzwerke und Teams einrichten, Wettbewerb und Feedback-Schleifen einrichten, intersektorales Vertrauen aufbauen, Verhalten beobachten, Effektivität messen und einen Ansatz über die Gesamtregierung einführen (kein einzelnes Ministerium kann das Problem lösen).

Das war wirklich ein beeindruckender Start des Obesity Boot Camp 2008.

AMS
Duchesnay, Quebec

Montag, 28. Juli 2008

Was ist Adipositas?

Keine Angst, das wird keine Diskussion darüber, ob Adipositas eine Krankheit oder "einfach" ein Risikofaktor ist. Auch geht es jetzt nicht wieder um Adipositas-Definitionen - anthropometrische oder andere. Heute geht es lediglich um eine Analogie, um das klinische Denken in Bezug auf übermäßiges Gewicht zu schärfen.

Stellen Sie sich jemanden mit einem erhöhten Plasmakreatininspiegel (einem Marker für Nierenversagen) vor. Das erhöhte Kreatinin sagt uns mit Sicherheit, dass mit den Nieren etwas im Argen liegt - nicht mehr und nicht weniger. Vom Kreatininspiegel allein können wir ableiten, dass die Nieren in ihrer exkretorischen Funktion versagen, aber warum sie versagen, das geht daraus nicht hervor - ist es eine prärenale, intrarenale oder postrenale Störung? Wir können wahrscheinlich 100 Gründe auflisten, warum die Nieren versagen könnten, und natürlich wird die Behandlung (abgesehen von ein paar sehr
grundlegenden Maßnahmen) sehr stark von der Ursache, also von der tatsächlichen Diagnose, abhängen.

In vieler Hinsicht kann man man übermäßigea Körpergewicht einfach als ein Zeichen dafür betrachten, dass etwas mit der Energie-Homöostase "nicht in Ordnung" ist. Das übermäßige Körpergewicht sagt jedoch nichts über die Ursache des Problems aus - sicher, es ist entweder eine übermäßige Nahrungsaufnahme oder reduzierter Energieverbrauch - aber das wäre genauso, als wenn man sagt, der Kreatininspiegel ist erhöht, weil die Nieren nicht ausreichend ausscheiden.

In der Tat kann ich mir eine lange Liste von Gründen denken, die zu übermäßiger Energieaufnahme oder vermindertem Kalorienverbrauch beitragen: soziokulturelle, psychologische oder biomedizinische Faktoren. Herauszufinden, was genau das Energieungleichgewicht versursacht, ist das eigentlche Problem.

Nur wenn wir den Grund für die exzessive Aufnahme finden, haben wir eine Diagnose der Ursache gestellt. Ein paar spezifische Beispiele könnten umfassen: Schlechte Mahlzeitenplanung, Druck vom sozialen Umfeld, genussvolles Zuviel-Essen, Depression, gewichtssteigernde Medikation, suchtartiges Essen (binge eating disorder), gestörtes Sättigungssignal usw. Der Punkt lautet: bis wir wissen, was das Zuvielessen versacht, können wir das Problem nicht lösen, und das wiederum heißt, so lange werden wir wenig Erfolg mit der Behandlung des Gewichtsproblems haben und müssen uns mit einem symptomatischen Zugang begnügen - "essen Sie einfach weniger"!

Genauso verhält es sich, wenn das Problem in einem Bewegungsmangel liegt. Auch hier lautet die Frage: Was genau verursacht das Problem? Wenn es durch Zeitmangel begründet ist, wird unser Vorgehen hoffentlich völlig anders aussehen, als wenn es an Rückenschmerzen oder einem Motivationsmangel liegt (einem möglichen Symptom von Schlafapnoe, Erschöpfung oder Depression). Ein "symptomatischer", aber erfolgloser Ansatz besteht darin, einfach 10 000 Schritte zu empfehlen. Das ist nicht besser, als Fieber mit kalten Wickeln zu behandeln.

Genauso wie der Begriff "Nierenversagen" nur sagt, dass etwas mit den Nieren nicht funktioniert, sagt uns der Begriff "Adipositas" nur, dass etwas mit der Energiehomöostase nicht in Ordnung ist.

Für sich genommen ist weder der Begriff "Nierenversagen" noch "Adipositas" eine richtige Diagnose - diese Termini sind nur hilfreich, wenn sie weitere Untersuchungen nach sich ziehen, was das Problem verursacht hat oder immer noch verursacht. Nur wenn wir die Ursache finden, sind wir auf dem richtigen Weg zur Problemlösung.

AMS
Edmonton, Alberta

Samstag, 26. Juli 2008

Fettleber bei Kindern ein kardialer Risikofaktor

Die nichtalkoholische Steatosis hepatis (NASH) oder Fettleber ist jetzt die häufigste Ursache für Leberkrankheiten bei Kindern.

Sie ist mit Insulinresistenz assoziiert, aber der Einfluss der NASH auf andere Komponenten des metabolischen Syndroms unklar.

In der Ausgabe vom 15. Juli berichten Jeffrey Schwimmer und Mitarbeiter, University of California in San Diego, in Circulation über ihre Ergebnisse einer Fall-Kontroll-Studie bei 150 übergewichtigen Kindern mit einer bioptisch verifizierten NASH und von 150 übergewichtigen Kindern ohne NASH.

Kinder mit NASH hatten signifikant höhere Spiegel an Nüchternblutzucker, Insulin, Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, Triglyzeriden sowie signifikant höhere systolische und diastolische Blutdruckwerte als übergewichtige und adipöse Kinder ohne NASH.

Diese Ergebnisse stützen nicht nur die Annahme, dass NASH bei übergewichtigen und adipösen Kindern , wie bei Erwachsenen deutlich mit verschiedenen kardiovaskulären Risikofaktoren assoziiert ist, sondern sie zeigen auch, dass ebensowenig wie bei Erwachsenen auch bei Kindern das Gewicht allein kein verlässliches Maß für kardiovaskuläre und metabolische
Risikofaktoren ist.

Der Nachweis von NASH bei einem Kind sollte unmittelbar eine Beratung veranlassen, bei der Ernährung, körperliche Aktivität und das Vermeiden von Tabak angesprochen werden müssen, um die Entwicklung von kardiovaskulären Krankheiten und Typ-2-Diabetes zu verhindern.

AMS
Edmonton, Alberta

Donnerstag, 24. Juli 2008

Kinder-Adipositas lebt auf großem Fuße

Füße sind bemerkenswert komplexe Strukturen, die dafür entwickelt wurden, das Körpergewicht abzufedern und zu tragen. Ob Stehen, Rennen, Hüpfen, Springen oder Hickeln, die Füße machen alles mit. Schmerzende Füße wirken sich auf den ganzen Körper aus.

Interessant, über den Einfluss eines höheren Körpergewichts auf die Fußarchitektur von Kindern ist nicht viel bekannt. Dieses Wissen wäre natürlich für Orthopäden und Kinderärzte wichtig, um Fußproblemen und Adipositas vorzubeugen beziehungsweise sie zu behandeln.

Marlene Mauch und Mitarbeiter von der Universität Tübingen studierten jetzt die Fußmorphologie von normalen, unter- und übergewichtigen Kindern, von 1450 Jungen und 1437 Mädchen zwischen 2 und 14 Jahren (Int J Obesity). Sie ermittelten die Fußmorphologie mit Hilfe eines dreidimensionalen Fuß-Scanners (Pedus, Human Solutions Inc., Deutschland) während des Stehens auf beiden Füßen. 12 relevante 3D-Fußmaße wurden bestimmt, zudem Alter, Geschlecht, Körpergröße und Gewicht.

Fünf Fußtypen ließen sich identifizieren: Flache, robuste, schlanke, kurze und lange Füße. Während die normgewichtigen Kinder über jedes Alter eine fast gleichmäßige Verteilung aller Fußtypen erkennen ließen, hatten übergewichtige und adipöse Kinder häufiger flache und robuste Füße, untergewichtige Kinder dagegen eher schlanke und lange Füße.

Die Autoren resümieren, dass Übergewicht signifikante Auswirkungen auf die Fußmorphologie hat, dass darüber hinaus aber aufgrund verschiedener muskuloskeletaler Störungen auch das Risiko für Fußbeschwerden bei Übergewicht steigen. Das wiederum könnte übergewichtige Kinder davon abhalten, sich aktiv zu bewegen - dadurch wird die Gewichtszunahme noch weiter gefördert.

Eindeutig verdient die Rolle der Fußmorphologie und das Aufrechterhalten der Fußgesundheit bei übergewichtigen und adipösen Kindern und Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit und eine eingehendere Erforschung.

Ich würde noch ergänzen, dass die sorgfältige Analyse der Fußmorphologie und die Empfehlung von geeigneten Schuhen, orthopädischen Korrekturen und Übungen Bestandteil jeder Untersuchung eines übergewichtigen Kindes sein sollte. Ein Schaden an den Füßen aufgrund einer gut gemeinten, aber ungeeigneten körperlichen Aktivität in jungen Jahren könnte lebenslange Fußprobleme nach sich ziehen, die dann zu einem wesentlichen Hindernis einer langfristigen Gewichtskontrolle werden können.

AMS
Edmonton, Alberta

Mittwoch, 23. Juli 2008

75 Millionen Dollar für die Bariatrie in Ontario

Sehr gute Neuigkeiten für Patienten mit schwerer Adipositas in Ontario: Als Teil eines 741$-Plans für eine regionale Diabetes-Strategie kündigte der Gesundheitsminister von Ontario gestern an, 75 Millionen Dollar für Bariatrische Exzellenzzentren zur Verfügung zu stellen.

In der Pressemitteilung hieß es:
„Adipositas ist einer der Hauptrisikofaktoren für Diabetes. Über 50% der Typ-2-Diabetes-Fälle in Ontario gehen mit Adipositas einher. Die Regierung erleichtert den Zugang zu bariatrischer Chirurgie, einer Methode, die den Verdauungstrakt verändert, um die Nahrungsaufnahme zu verringern. Diese 75 Mio.$-Initiative wird die Kapazität von Ontario für bariatrische Chirurgie innerhalb von zwei Jahren um ein Mehrfaches ausweiten und auch danach noch weiter steigern. In 2006/2007 wurden in Ontario 169 Eingriffe vorgenommen, und 485 Patienten erhielten Mittel für einen chirurgischen Eingriff außerhalb der Provinz.

Ontario wird die Kapazität für bariatrische Eingriffe ausdehnen durch
o bariatrische Schulung und Training von Gesundheitsberufen
o Expansion der Kapazität für bariatrische Chirurgie
o Einführen von Programmen für die prä- und postoperative Phase bariatrischer Chirurgie“
Das ist ein erstes Zeichen von Verbesserung für Einwohner Ontarios, die bis jetzt nach Süden über die USA Grenze reisen oder ihr Geld für einen privat bezahlten Eingriff zusammenkratzen mussten.

Was mir an der Mitteilung besonders gefällt, ist die Betonung auf Schulung und die Absicherung der prä- und postoperativen Phase. Wie ich schon früher im Blog geschrieben habe: bei der Adipositas-Chirurgie geht es nicht allein um die Chirurgie. Die Operation selbst ist nur ein kleines technisches Puzzleteil in einem komplexen lebenslangen Management-Plan.

Auch hat mich die Bekanntgabe sehr erfreut, weil ich glaube, dass meine Bemühungen in Ontario einschließlich meines Lobbying bei der Regierung für eine bessere bariatrische Versorgung einen Teil zu dieser Entscheidung beigetragen haben.

Wie einige Leser vielleicht wissen, war ich hier nicht nur beredt, sondern ich war auch der Ko-Vorsitzende der Health Technology Utilization Guidelines Gruppe, die vom Gesundheitsministerium in Ontario beauftragt war, Empfehlungen für die bariatrische Chirurgie in Ontario zu erarbeiten.

In diesem Dokument haben wir klar gemacht, dass die bariatrische Versorgung ein interdisziplinäres Team erfordert und eines Managements für chronische Krankheiten bedarf, statt sie als ein akutes Versorgungsproblem zu handhaben.

Da sich das Ausmaß des Problems oder der riesige Bedarf an bariatrischer Chirurgie in Ontario und anderen Regionen Kanadas in nichts unterscheidet, kann ich nur hoffen, dass diese Ankündigung rasch von ähnlichen Mitteilungen in anderen Provinzen gefolgt wird.

In Alberta haben wir viele der Komponenten schon vor Ort (wenigstens in der Region Edmonton), und natürlich würden wir sehr gern unsere Erfahrungen mit den Kollegen in Ontario teilen. Je schneller wir dieses Angebot in ganz Kanada installieren, desto besser für die zahllosen Betroffenen.

AMS
Edmonton, Alberta

Montag, 21. Juli 2008

Fördern Job-Wellnessprogramme die Diskriminierung?

Die Adipositas-Epidemie kostet die Arbeitgeber Geld. Dieses Jahr schätzte die Non-Profit Organisation Conference Board, dass adipositaskorrelierte Gesundheitsprobleme US-amerikanische Firmen 45 Milliarden Dollar jährlich kosten, durch Gesundheitsausgaben und Fehltage – mehr als Rauchen oder Alkohol.

Arbeitgeber und Krankenversicherer haben - kaum überraschend - schon lange erkannt, wie wichtig es ist, Angestellte in Richtung von Wellness-Bemühungen zu unterstützen oder sie gar damit zu „verwöhnen“. Dieser Gedanke liegt nahe: Gesündere Angestellte sind produktiver – eine gute Investition für jede Firma.

Aber wie bei jeder guten Idee liegt der Teufel im Detail. Die gesetzlichen Grenzen für gutgemeinte Wellness-Programme (besonders, wenn sie von Krankenversicherern und Kostenträgern gefördert werden) diskutieren Michelle Mello und Meredith Rosenthal von der Harvard School of Public Health in der Ausgabe des New England Journal of Medicine vom 10. Juli.

In ihrer Analyse konzentrieren sich Mello und Rosenthal auf den Einfluss der Antidiskriminierungsklauseln des US Health Insurance Portability and Accountability Act (HIPPA) of 1996, das Krankenkassen und Gruppenversicherer verbietet, auf Grundlage eines Gesundheitsfaktors zu diskriminieren.

Die allgemeine Regel besteht darin, dass niemand allein aufgrund seines Gesundheitszustandes, der genetischen Anamnese, des Nachweises der Versicherbarkeit, aufgrund einer Behinderung oder früher geltend gemachter Leistungen aus einer Gesundheitsversorgung ausgeschlossen werden oder mit höheren Beiträgen belastet werden kann als eine andere „ähnlich situierte“ Person. In diesem Kontext bezieht sich „ähnlich situiert“ nur auf eine Klassifikation auf Grundlage der Beschäftigung wie Vollzeit oder Teilzeit, nicht auf Gesundheitsfaktoren.

Im Ergebnis können Krankenversicherungen nur dann die Erstattung bei bestimmten Krankheiten oder Bedingungen ablehnen, wenn dies für alle „ähnlich situierten“ Individuen zutrifft. Diese Entscheidung basiert nicht darauf, ob die Menschen diese Gesundheitssituation tatsächlich haben oder nicht.

HIPAA soll Gesundheitsdiskriminierung verhindern, aber es erlaubt Versicherern, Mitglieder für die Teilnahme an gesundheitsfördernden Programmen zu belohnen, z.B. mit reduzierten Beiträgen, Rückzahlungen usw., aber nur so lange diese Belohnung allen Mitgliedern offen steht, also unabhängig davon, ob sie ein aktuelles Gesundheitsproblem haben. HIPAA erschwert es jedoch, diese Belohnungen daran zu knüpfen, dass ein individuelles Gesundheitsziel erreicht wird. So erlaubt es die Belohnung der Teilnahme, auch ohne jeglichen Erfolg.

In den seltenen Fällen, in denen Versicherer die Belohnung doch vom Erreichen eines Ziels abhängig machen, sind wichtige Restriktionen vorgesehen. In Fällen, in denen es aufgrund eines medizinischen Sachverhaltes „unverhältnismäßig schwierig“ oder „medizinisch nicht ratsam“ ist, dass eine Person den Gesundheitsstandard erzielt, muss ein angemessener alternativer Standard angeboten werden.

Mello und Rosenthal weisen darauf hin, das Problem mit dieser Restriktion bestehe darin, dass keine Definition der „medizinischen Bedingung“ gegeben wird. Ob von jemandem mit Übergewicht oder Adipositas erwartet werden kann, ein Zielgewicht zu erreichen, hängt völlig davon ab, ob man das vorbestehende übermäßige Gewicht als einen „medizinisch relevanten Sachverhalt“ definiert oder nicht. Das lässt die Tür weit offen für eine Diskriminierung aufgrund des Gewichts. Natürlich ist es für jemanden mit wenig Übergewicht viel einfacher, ein willkürlich festgelegtes „Idealgewicht“ zu erreichen als für jemanden, der viel abnehmen muss – und noch dazu steigt die Schwierigkeit exponentiell, das verlorene Gewicht zu halten, je mehr man abgenommen hat.

Ob Übergewicht bei einem bestimmten Menschen genetisch, psychisch, durch Komorbiditäten oder gewichtssteigernde Medikamente verursacht wurde oder einfach aufgrund ungünstiger Wahl oder Bequemlichkeit, wird wohl weiterhin diskutiert werden.

Für mich liegt das Problem nach wie vor darin, dass Arbeitgeber, Versicherer und Politiker darauf abzielen, Veränderungen beim Einzelnen bewirken zu wollen, statt die Gesellschaft insgesamt in Richtung eines gesünderen Lebensstils für jeden einzelnen zu bewegen.

Bei der gegebenen multidimensionalen soziokulturellen, psychologischen und biomedizinischen Natur der Adipositas ist es müßig, die „Henne oder Ei“-Frage zu diskutieren, und schlicht unmöglich, den einen primären Kausalfaktor herauszufinden.
Vielleicht besteht eine Lösung darin, das Gewicht als Gesundheitsmaß auszuklammern – sowohl als einen Risikofaktor als auch als ein Ziel.

Wie ich schon wiederholt diskutiert habe, kann Gesundheit über einen erstaunlich weiten Bereich des Körpergewichts bestehen, und es gibt eine große Streubreite in der individuellen Anfälligkeit gegenüber „gewichtskorrelierten“ Gesundheitsproblemen. Es gibt keine Schwelle, die für jeden richtig ist – wir haben keine Ahnung, worin ein gutes Gewichtsziel besteht, weil unsere Definitionen für ein gesundes Gewicht vollständig über Komorbiditäten und/oder funktionale Einschränkungen bei einem Individuum definiert sind oder durch versicherungsmathematische Morbiditäts- und Mortalitätsstatistiken, die umgekehrt bei Individuen nicht besonders hilfreich sind.

Ich beneide die Gesetzgeber und Politiker nicht, die dieses komplexe Thema in geltendes Recht umsetzen müssen. Ich bin froh, dass ich nur ein einfacher Kliniker bin, der Patienten hilft, ihre Adipositas zu besiegen, Schritt für Schritt.

Ich freue mich auf Kommentare über die Gesundheitsförderung und Wellness am Arbeitsplatz und den gesetzlichen Rahmen in Kanada (oder den deutschsprachigen Ländern).

AMS,
Edmonton, Alberta

Freitag, 18. Juli 2008

Zuviel-Essen ist ein Symptom

Letzte Woche bloggte ich über die Ergebnisse einer Studie, die einen Zusammenhang zwischen vitaler Erschöpfung und Gewichtszunahme zeigen konnte.

Dieser Blogeintrag veranlasste Sharon Kirkey, eine Gesundheitsjournalistin und aufmerksame Leserin meines Blogs, diesem Thema nachzugehen und die Forscher selbst zu befragen. Ihr Beitrag erschien gestern über den Canwest News Service und enthält viel mehr Details, als ich mir im Blog die Mühe machte zu schreiben.

Beispielsweise zählt Sharon die konkreten Fragen auf, mit denen Bryant und Mitarbeiter auf eine vitale Erschöpfung hin untersuchten. Ich fand sie sehr interessant, sodass ich sie hier auch aufzähle:

- Fühlen Sie sich oft müde?

- Wachen Sie nachts häufiger auf?

- Haben Sie das Gefühl, in letzter Zeit nicht viel hinbekommen zu haben?

- Glauben Sie, in eine Sackgasse geraten zu sein?

- Fühlen Sie sich in letzter Zeit lustloser als sonst?

- Bringen Sie kleine Dinge leichter aus dem Konzept als gewohnt?

- Brauchen Sie länger, um ein ein schwieriges Problem in den Griff zu bekommen, als vor einem Jahr?

- Haben Sie mehr Schwierigkeiten, sich länger auf eine einzelne Sache zu konzentrieren?

Keiner dieser Fragen erscheint mir besonders spezifisch, und sehr viele werden auf mehrere "ja" antworten (ja, sogar ich muss einige bejahen), aber ich vermute, wenn fast alle davon zutreffen, dann springt man wohl kaum wie Speedy Gonzales durch die Gegend und ist dazu aufgelegt, Diätpläne einzuhalten.

Sharon zitiert mich mit den Worten:"Niemand sagt, Adipositas kommt immer von Erschöpfung, aber wenn Menschen eindeutig mehr essen als sie brauchen, lautet die Frage nicht (nur), wie man sie davon abbringt, sondern warum genau sie das tun. Vielleicht verlieren sie gerade ihren Job oder sind überarbeitet. Oder es geht um ein privates Dilemma, das einen beschäftigt. Man löst das Problem Adipositas nicht, indem man den Betroffenen ein Exemplar von Canada's Food Guide aushändigt. Sie
müssen zu verstehen versuchen, was zum Gewichtsanstieg beiträgt."

Genau das! Adipositas ist ein Symptom von Zuviel-Essen, und das wiederum ist ein Symptom, dass irgend etwas anderes im Busche ist: Es kann nicht sein, dass einfach das Wissen über gesunde Ernährung oder den Kaloriengehalt von Nahrungsmittelnt fehlt, sondern Zuviel-Essen kann auch ein Zeichen für ein emotionales Problem wie Depression oder vitale Erschöpfung sein, oder eines biologischen Hintergrundes wie eines MC-4 Rezeptordefekts, oder Folge einer Medikation wie Clozapin ... mir fallen zahllose weitere Gründe ein.

Vergessen Sie nicht: Zuviel-Essen (und/oder bewegungsarmer Lebensstil) ist keine Diagnose - Zuviel-Essen (und/oder bewegungsarmer Lebensstil) ist ein Symptom!

AMS
Edmonton, Alberta